Spuren jüdischen Lebens in Eiserfey

Spuren jüdischen Lebens in Eiserfey. Herkunft, Verbleib und Schicksale der  Familien Loeb und Nathan

 

von Dr. Rolf Steinberg

Im Altkreis Schleiden lassen sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts nur wenige Ortschaften mit alteingesessener jüdischer Bevölkerung nachweisen. Orte mit intakten jüdischen Gemeinden, Zusammenschlüssen mehrerer Familien, die jüdisches religiöses Leben pflegten, gab es zur damaligen Zeit lediglich in Bleibuir, Blumenthal, Gemünd, Kall, Mechernich und Schleiden. Nach Inkrafttreten des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden im Jahre 1847, durch welches die preußische Regierung den Juden neben der Gewerbefreiheit auch die Freizügigkeit gewährte, sollte sich dies ändern. Ab etwa 1850 kommt es nach und nach bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts zu einem erheblichen Anstieg an Zuwanderungen jüdischer Familien und einzelner Juden in das Verwaltungsgebiet des damaligen Kreises Schleiden, und nicht nur in die oben genannten Residenzen, sondern auch in solche Orte, in denen bislang keine Juden wohnten. Zweifelsohne wäre es alleine infolge der neu gewährten Rechte zu dieser Zuzugsbewegung größeren Ausmaßes nicht gekommen, wenn nicht etwa gleichzeitig neue Straßen sowie neue Bahn- und Postlinien den Neuankömmlingen, die mehrheitlich Kaufleute, reisende Händler, Trödler und Lumpensammler waren, einen halbwegs komfortablen Zugang zu den bis dahin nur mühsam zugänglichen Eifeltälern ermöglicht und Geschäftsreisen innerhalb der Eifel erheblich erleichtert hätten.

Auch Eiserfey gehörte zu jenen Orten, in denen sich zur damaligen Zeit erstmalig Juden niederließen; Mitte der 60er Jahre die Familie des Handelsmannes Leopold Loeb, und in den 70er Jahren der ledige Kaufmann Nathan Nathan. Manchen unter den älteren Dorfbewohnern sind die Nathans noch ein Begriff, dem Verfasser aus Erzählungen des Großvaters, der die Nathans noch persönlich kannte. Die Familie Loeb hat demgegenüber im Ort kaum Spuren hinterlassen, sieht man davon ab, dass Clara Schmitz, die Ehefrau Leopold Loebs, nach dem Tode ihres Mannes den Nathan Nathan heiratete.

Herkunft und Leben in Eiserfey

Am 23. März 1865 starb in Eiserfey Marcus Loeb, der einjährige Sohn der jüdischen Eheleute Leopold Loeb und Clara Schmitz. Die Beurkundung dieses Sterbefalls ist der erste Nachweis jüdischen Lebens in Eiserfey. Da Marcus nicht in Eiserfey geboren wurde, lässt sich der Zeitraum, in welchem die Familie Loeb zuwanderte, grob auf wenige Monate festlegen.

Leopold Loeb stammte aus Badorf bei Brühl. Dort wurde er am 02. April 1829 als drittes Kind und einziger Sohn des Trödlers und Lumpensammlers Salomon Loeb und der Helena Klein geboren. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Der Bildungseifer der Eltern Salomons war gering. Salomon hatte keine Schule besucht. Im Jahre 1854 war er nicht in der Lage, die Heiratsurkunde seiner Tochter Sibilla eigenhändig zu unterschreiben. Er sei im Schreiben ungeübt, wie er dem Standesbeamten mitteilt. Die schön geschwungene Unterschrift des Sohnes hingegen, die wir aus Urkunden kennen, zeugt von großer Gewandtheit im Schreiben und einer gründlichen schulischen Ausbildung.

Leopolds Mutter war bereits 1838 verstorben, und auch die jüngsten Geschwister überlebten das Kindesalter nicht. Nachdem die beiden älteren und eine jüngere Schwester durch Heirat versorgt waren und das Elternhaus verlassen hatten, löste Leopold die Wohnung in Badorf auf und verließ den Ort. Den alten Vater, der auf die Siebzig zuging, nahm er mit. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre tauchten die beiden in Weyer auf. Mit dortigem Wohnsitz werden sie erstmalig in der Heiratsurkunde Leopold Loebs aus dem Jahr 1861 erwähnt. Dass die Loebs von Berufs wegen lange Wegstrecken zurücklegten und bei ihren Handelsreisen bis nach Weyer vorgestoßen sein mögen, ist so ungewöhnlich nicht, zumal beide Ortschaften, Badorf und Weyer, nur unweit des alten römischen Handelsweges lagen, der Agrippastraße, die an Mechernich und Brühl vorbei von Trier nach Köln führte. Dennoch haben die beiden sich wohl nicht zufällig in Weyer niedergelassen. In der Fremde suchten Juden die Nähe jüdischer, wenn möglich verwandter, Familien, und bekanntlich war zur damaligen Zeit die Mehrzahl der jüdischen Familien im Rheinland in einem Geflecht von Beziehungen miteinander verwandt oder verschwägert, zumindest  jedoch miteinander bekannt.

Leopold war bereits 32 Jahre alt, als er heiratete. Die Partnersuche war für Landjuden angesichts der Diasporasituation und wegen der strengen jüdischen Heiratsvorschriften, denen zufolge beide Brautleute unbedingt jüdischen Glaubens sein mussten, ein schwieriges Unterfangen. Schließlich fand er seine Ehefrau, die Metzgerstochter Clara Schmitz, in Embken in der Gemeinde Bürvenich, einer Ortschaft, die mehr als zwanzig Kilometer vom Wohnort Weyer entfernt liegt und im Volksmund wegen des damals hohen jüdischen Anteils an der Dorfbevölkerung auch ‚Jüddedörp‘ genannt wurde. Am 10. Mai 1861 heirateten Leopold und Clara in Bürvenich.

Es ist unwahrscheinlich, dass Leopold seiner zukünftigen Ehefrau zufällig auf einer seiner Geschäftsreisen begegnete. Vermutlich ist die Ehe im Verwandten- oder Bekanntenkreis arrangiert worden, denn wir wissen, dass in Kommern, nicht allzu weit vom Wohnort Weyer entfernt, seit 1852 die mit dem Handelsmann Jacob Frohwein verheiratete ältere Schwester Claras, Sibilla Schmitz, lebte, und es ist durchaus naheliegend, dass sich über Kontakte der Loebs in Weyer zur Familie der Schwester in Kommern die persönlichen Bande zwischen Leopold und Clara knüpften.

Clara wurde am 27. Mai 1837 in Embken geboren als jüngstes Kind des Metzgers Marcus Schmitz und dessen Ehefrau Sybilla Wendel, die aus einer gläubigen und gebildeten Flamersheimer jüdischen Familie stammte. Claras Großvater väterlicherseits, der Händler Marcus Leib, gebürtig aus Blumenthal, hatte 1794 das Recht erworben, sich dort niederzulassen.

Die Familiennamen ‚Leib‘ und ‚Loeb‘ haben als abgeschliffene Formen des Namens Levy dieselbe Wurzel, und noch der Nachname des Großvaters Leopolds väterlicherseits ist mit ‚Leib‘ überliefert. Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass zwischen der Blumenthaler Familie Leib und der Familie Loeb in Badorf verwandtschaftliche Beziehungen bestanden.

Als Marcus Leib 1804 starb, muss er ein nicht unerhebliches Erbe hinterlassen haben, denn 1816 wird der erst 23jährige Marcus Schmitz, der einzige Sohn des Marcus Leib, als einziger Hauseigentümer unter den zahlreichen Embkener Juden geführt. Nachdem im Jahre 1808 in Frankreich und somit auch in den von Frankreich besetzten linksrheinischen deutschen Gebieten per Gesetz verfügt worden war, dass Juden einen unveränderlichen Familiennamen tragen mussten, nahm die Familie den Zunamen Schmitz an. Bemerkenswerterweise war unter den jüdischen Familien im Rheinland der Familienname Schmitz  offenbar verbreiteter, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Auch in Kall wohnte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine jüdische Familie namens Schmitz, deren Nachkommen sich in späteren Jahren in Brühl nachweisen lassen.

Nach der Eheschließung wohnten die Neuvermählten zunächst im Herkunftsort der Ehefrau. Dort kamen im November 1862 und Ende Februar 1864 die Söhne Karl und Marcus zur Welt. Noch im Jahre 1864, vermutlich vor Beginn der kalten Jahreszeit, verlegten die Loebs ihren Wohnsitz von Embken nach Eiserfey, wo im März 1865 der jüngere der beiden Söhne im Alter von dreizehn Monaten starb. Der Hausstand in Weyer war in der Zwischenzeit längst aufgelöst worden. Der betagte Salomon Loeb hatte sich nach Pingsdorf zurückgezogen, einem Nachbarort von Badorf. Im Kreise der Familie seiner dort verheiratet lebenden Tochter Sibilla verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Am 19. August 1865 ist er in Pingsdorf verstorben.

In Eiserfey wurden in den Folgejahren die Töchter Helena (1865), Rosalia (1867) und Johanna (1868) geboren. Rosalia starb im Alter von zehn Monaten, und fünf Jahre später, am 30. April 1873, starb Leopold Loeb in Eiserfey nach zwölfjähriger Ehe im Alter von nur vierundvierzig Jahren. Bestattet wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Mechernich. Ein schlichter Grabstein erinnert noch heute an ihn.

In welchem Haus die Familie wohnte und welcher Art die Geschäfte Leopolds zu dieser Zeit waren, ist nicht überliefert. Sicherlich pflegte er als Geschäftsmann weitläufige Beziehungen, und wir wissen von Kontakten zu befreundeten katholischen Familien bis nach Zingsheim und Engelgau. Vermutlich bezog die Familie das im Oberdorf gelegene Haus unter der heutigen Wohnadresse Hauserbachstrasse 65, vormals Hauptstraße 8, und manches spricht dafür, dass die Gründung des Kolonialwarengeschäftes, das sich in der Erinnerung der Dorfbevölkerung unter der oben genannten Adresse mit dem Namen ‚Nathan‘ verbindet, auf Leopold Loeb zurückgeht, oder aber auf die Witwe, die nach dem Tode ihres Mannes alleine für sich und ihre drei Kinder sorgen und einen Weg finden musste, den Lebensunterhalt zu verdienen, und es ist unwahrscheinlich, dass Clara nach dem Tode Leopolds und vor der Wiederverheiratung mit den Kindern innerorts umgezogen ist.

 

Über das Leben der Loebs in Eiserfey, das dörfliche Miteinander, die Bereitschaft der Juden zur Anpassung und die Bereitschaft der Dorfbevölkerung, die Zugezogenen zu akzeptieren, ist nichts überliefert. Nachbarschaftlichen Gemeinsinn bewies man zumindest dann, wenn Pietät gefragt war. Obwohl die Familie noch nicht lange im Ort wohnte, als Marcus Loeb im März 1865 starb, machte sich ein Nachbar, der Bergmann Mathias Weckmann, umgehend auf den beschwerlichen Weg nach Zingsheim, dem damaligen Sitz des Standesamtes Weyer, um den Sterbefall zur Anzeige zu bringen. Leopold Loeb seinerseits meldete in den Jahren 1867 und 1868 im Gemeindehaus in Zingsheim Todesfälle von Kindern benachbarter Familien. Und fünf Jahre später schließlich waren es wiederum katholische Nachbarn, die Ackerer Peter Mießeler und Georg Gentgen, die in Zingsheim noch am Todestag den Sterbefall des Leopold Loeb anzeigten.

Die Loebs waren nachweislich die ersten und für mehrere Jahre einzigen im Gebiet der Landgemeinde Weyer ansässigen Juden. Spätestens 1870 hatte mit dem bereits erwähnten jungen Kaufmann Nathan Nathan ein weiterer Jude seinen Lebensmittelpunkt in die Gemeinde verlegt. Unter den Inschriften der überlebenden Teilnehmer des Deutsch-Französischen Kriegs vom 1870/71 auf dem Kriegerdenkmal, das 1897 errichtet worden war auf Veranlassung eines Kriegervereins, dem Mitglieder aus allen Ortschaften der Gemeinde angehörten, befindet sich sein Name. Da bei den Namensinschriften die Angabe des jeweiligen Wohnortes fehlt, muss offenbleiben, in welchem Ort der Gemeinde Weyer Nathan zunächst wohnte.

Dass der Neubürger Nathan insbesondere die Bekanntschaft der einzigen Familie jüdischen Glaubens in der Gemeinde gesucht haben muss und noch zu Lebzeiten Leopolds im Hause Loeb verkehrte, versteht sich von selbst. Die Kontakte Nathans zur Witwe brachen nach dem Tode Leopolds nicht ab. Die Umstände legen sogar die Vermutung nahe, dass Nathan die Witwe in geschäftlichen Dingen unterstützte, möglicher-weise sogar das Geschäft führte, denn die Belastung Claras angesichts der Doppelfunktion als Mutter dreier fürsorgebedürftiger Kinder und Inhaberin eines Geschäftes war groß. Irgendwann kam man sich auch persönlich näher, und Clara wurde schwanger. Nathan und Clara heirateten am 05. Dezember 1877, und nur zweieinhalb Monate nach der Eheschließung, am 21. Februar 1878, gesellte sich Sohn Albert zu den Kindern, die Clara mit in die Ehe brachte.

Zum Zeitpunkt der Heirat wohnte Nathan nachweislich in Eiserfey. Er war im Ort längst kein Unbekannter mehr. Er hatte seinen Platz in der dörflichen Gemeinschaft gefunden, verkehrte im Kreise der Dorfhonoratioren und schloss Freundschaften. Gewiss wird es Ressentiments gegeben haben. Manch alteingesessener Dorfbewohner mag den Fremden, der ja kein Christ war und vielleicht auch wohlhabender er selbst, argwöhnisch beäugt haben. Aber solche Vorbehalte traten nicht offen zutage. Anders als in manch größeren Städten, in denen es um 1880 Gruppierungen gab, die offen judenfeindliche Propaganda betrieben, lebten Christen und Juden auf dem Lande, so auch in Eiserfey, in friedlicher Koexistenz.

Als Trauzeugen hatte Nathan zwei etwa gleichaltrige ortsansässige Katholiken gewinnen können, den 32jährigen Bäcker Peter Goebs, wie er Teilnehmer am Deutsch-Französischen Krieg, und den 36jährigen Postagenten Johann Wilhelm Schmitz. Mit beiden muss er befreundet gewesen sein, denn damals wie heute kamen als Trauzeugen nur ausgewählte Personen in Frage, Verwandte und Freunde.

Auch Jakob Blum, den in Zingsheim ansässigen Bürgermeister und Standesbeamten der Gemeinde Weyer zählte Nathan zu seinen Bekannten. Blum, im Übrigen einer der wenigen Protestanten in der Gemeinde, begnügte sich damit, in der Heiratsurkunde darauf hinzuweisen, dass ihm der Bräutigam ‚der Persönlichkeit nach Namen, Stand und Wohnort bekannt‘ sei. Dass Blum beim Ausfüllen der Heiratsurkunde Ausweispapiere Nathans zugrunde legte und die Abschrift der Geburtsurkunde, die der Bräutigam zwingend beibringen musste, darf bezweifelt werden. Zumindest scheint er nicht nachgefragt zu haben, bevor er den Ort ‚Scherenbek‘ als Geburtsort Nathans in die Heiratsurkunde eintrug, einen Ort, den man  in historischen Ortsverzeichnissen vergeblich sucht.

Geboren wurde Nathan Nathan am 19. Juni 1844 als Sohn des Geschäftsmannes Isaac Nathan und der Sara Katz in Schermbeck, einer Gemeinde im Kreis Wesel, zwischen Niederrhein und Münsterland gelegen. Der Großvater, Nathan Isaac, hatte im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts bei den Behörden erfolgreich um die Erlaubnis zur Ansiedlung in dieser Ortschaft nachgesucht, in der es zur damaligen Zeit eine große jüdische Gemeinde gab. Als im Jahre 1808 die französischen Verwaltungsbehörden von den linksrheinischen Juden die Annahme eines endgültigen Zunamens verlangten, entschied sich Isaac Nathan für die Beibehaltung des Familiennamens Nathan. Dass Isaac Nathan seinem Sohn den Vornamen Nathan gab, ist vermutlich auf die Anhänglichkeit an den alten jüdischen Brauch zurückzuführen, den Vornamen des Sohnes von Zunamen des Vaters herzuleiten.

Vergegenwärtigt man sich die erhebliche Entfernung zwischen Schermbeck und Weyer, so drängt sich zwangsläufig die Frage auf, was Nathan bewogen haben mag, sich in der Gemeinde Weyer niederzulassen. Die Mehrzahl der Juden ging dem Kaufmannsberuf nach, und die per Gesetz gewährte Freizügigkeit bot die Möglichkeit, sich dem Konkurrenzdruck zu entziehen, der insbesondere in Städten und größeren Ortschaften mit einem hohen Anteil jüdischer Kaufleute herrschte. So zog es manch einen jüdischen Händler in ländliche Gegenden, in denen sich die Möglichkeit bot, neue Märkte zu erschließen. Schutz vor einer drohenden Isolation in der fremden Umwelt boten verwandte oder befreundete jüdische Familien. Nathan hatte gewiss nicht Eiserfey im Blick, als er Schermbeck verließ. Gleichwohl verschlug es ihn nicht zufällig in die Eifel. Ziel seiner Reise muss Gemünd gewesen sein, denn dort lebte die Familie des Glasers Jacob Nathan, zu der verwandtschaftliche Verbindungen bestanden. In späteren Jahren wohnten Kinder und Enkel Nathan Nathans und die 1860 in Gemünd geborene Liesetta Nathan, eine Tochter des Gemünder Glasers, im weit entfernten Krefeld zur gleichen Zeit im selben Haus. Der Weg von Gemünd in die Orte der Gemeinde Weyer wiederum war vergleichsweise kurz, und die Ortschaft Eiserfey, die als Standort unternehmerischen Engagements zu dieser Zeit ihre letzte Blüte erlebte, war sicherlich unter den Orten der Umgegend, in denen man Geschäfte machen konnte, einer der attraktivsten.

Etwa dreieinhalb Jahre nach der Eheschließung, am 30. September 1881, kam Tochter Rosalia als zweites und letztes Kind zur Welt. Eine im Jahre 1885 durch die preußische Regierung in der Rheinprovinz veranlasste Volkszählung ergab, dass in der Landgemeinde Weyer sieben Personen jüdischen Glaubens wohnten. Hinter diesen Personen verbergen sich Nathan, seine Ehefrau Clara sowie Claras fünf Kinder aus beiden Ehen.

Die Ehe zwischen Nathan und Clara war nicht von langer Dauer. Clara starb am 09. April 1886 im Alter von 49 Jahren. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem jüdischen Friedhof in Mechernich. Der schöne Grabstein, den die Kinder zur Erinnerung an die ‚liebe Mutter‘ errichten ließen, hat sich bis heute erhalten.

Alleinstehend mit fünf minderjährigen Kindern, deren Wohl ihm zweifellos am Herzen lag, ließ Nathan bei der Suche nach einer Ehefrau und Mutter für seine Kinder keine Zeit verstreichen. Eine lange Brautschau hielt er nicht. Nathan hatte ein Auge auf Sara Frohwein geworfen, die in Kommern lebende Tochter der älteren Schwester seiner verstorbenen Ehefrau, der oben bereits erwähnten Sibilla Schmitz. Die am 25. November 1856 in Kommern geborene Sara Frohwein war bereits einunddreißig Jahre alt und die inzwischen verwitwete Mutter an der Versorgung ihrer Tochter interessiert. Nathan und Sara waren sich nicht fremd. Im Rahmen von Familienzusammenkünften sind sie sich sicherlich des Öfteren begegnet. Nathan trug Sara die Ehe an, und Sara willigte ein. Am 04. Januar 1887, nur neun Monate nach Claras Tod, wurde in Kommern geheiratet. Sara folgte ihrem Ehemann nach Eiserfey, wo den beiden siebenundzwanzig Ehejahre vergönnt waren. Zwischen 1888 bis 1900 gingen aus der Ehe sechs Kinder hervor: Friedrich Julius, geb. am 21. Juli 1888, Jenny, geb. am 11. März 1890, Joseph, geb. am 17. April 1891, Ferdinand, geb. am 09. Dezember 1895, Sigbert, geb. am 21. September 1897 und Gustav, geb. im Juni 1900. Sigbert starb nur wenige Tage nach der Geburt, Gustav noch im Geburtsjahr.

Nach damals wie heute gültigen kaufmännischen Grundsätzen ist der wirtschaftliche Erfolg eines Gemischtwarenhändlers von mehreren Faktoren abhängig. Von einer an der Nachfrage ausgerichteten Zusammenstellung der Produktpalette, der Attraktivität des Angebots, der Qualität der Artikel, einem stimmigen Preis-Leistungs-Verhältnis, einer gesunden Nachfrage und der Bereitschaft, Kredit zu gewähren. Sicherlich wirtschaftete auch Nathan nach diesen Grundsätzen. Allerdings waren noch so treffliche ökonomische Rahmenbedingungen auf Dauer kein Garant für das ‚soziale Überleben‘ einer ortsfremden und darüber hinaus jüdischen Kaufmannsfamilie auf dem Dorf. Dieses hatte ganz andere Voraussetzungen. Wären die Nathans im Ort Fremde und Außenseiter geblieben, hätten sie sich mit ihrem Geschäft in Eiserfey wohl kaum halten können. Fremde blieben die Nathans keineswegs. Sie passten sich dörflichen Gegebenheiten und Gepflogenheiten an. Aber sie haben sich nicht nur assimiliert, sondern das dörfliche Leben aktiv mitgestaltet, sich für das Gemeinwohl eingesetzt und am Vereinsleben teilgenommen. Die Anpassungsfähigkeit und die offensive Anpassungsbereitschaft sind der Schlüssel des geschäftlichen Erfolges des Kaufmanns Nathan über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und schließlich des Wohlstandes, zu dem die Familie während ihrer Zeit in Eiserfey offenbar gelangte.

Ein Beispiel für das gemeinnützige Engagement des Familienoberhauptes ist die Teilnahme Nathans an einer Lösch-Compagnie, die der Gemeinderat im Jahre 1890 für Eiserfey zusammenstellte. Neben seinem Freund und Trauzeugen Johann Wilhelm Schmitz und anderen wurde er der sogenannten Rettungs-Compagnie zugeteilt. Schließlich darf die vaterländische Gesinnung Nathans nicht außer Acht gelassen werden. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 war der Nationalstolz das Band, welches am ehesten geeignet war, die Deutschen in Stadt und Land über alle sozialen und konfessionellen Unterschiede hinweg zu einen. Die Bedeutung der patriotischen Grundstimmung zur damaligen Zeit als identitätsstiftend kann man kaum hoch genug einschätzen. Dass Nathan als Veteran des Krieges von 1870/71 zu den Mitgliedern des Kriegervereins gehörte, versteht sich von selbst.

Mit Ausnahme des Glaubensbekenntnisses gab es keine Unterschiede zwischen den Nathans und den katholischen Dorfbewohnern, und die Glaubensunterschiede machten sich im Zusammenleben nicht bemerkbar, es sein denn, man registrierte die Abwesenheit der Familie während der sonntäglichen Gottesdienste in der Kapelle St. Wendelin. Die Nathans waren die einzige jüdische Familie in Umkreis von mehreren Kilometern und ohne Anschluss an ein jüdisches Gemeindeleben. Offiziell gehörten Sie der Synagogengemeinde Mechernich an. Die geregelte Teilnahme der Familie an religiösem Gemeindeleben wie auch der Besuch der Religionsschule in Mechernich durch die Kinder war nur unter erschwerten Bedingungen möglich, der Weg nach Mechernich weit. Eine ortsnahe Betgemeinde gab es nicht. So muss sich das religiöse Leben der Familie, wenn überhaupt, hinter den eigenen vier Wänden abgespielt haben. Die Kinder besuchten die katholische Volksschule in Eiserfey, und man darf sogar annehmen, dass die Nathans ihre Kinder in Ermangelung eines jüdischen den katholischen Religionsunterricht besuchen ließen, wie Jahrzehnte später in Rheindahlen Albert Nathan seine Kinder am katholischen Religionsunterricht teilnehmen ließ. Die religiöse Grundhaltung der Nathans war von Toleranz geprägt, ihre Einstellung gegenüber der katholischen Religion war nicht nur unvoreingenommen, sondern sogar aufgeschlossen. Von Albert Nathan ist überliefert, dass er in Rheindahlen einen freundschaftlichen Umgang mit der dortigen katholischen Pfarrgemeinde pflegte, und unter den Angehörigen der Pfarre beliebt und für seine Großzügigkeit und seine Hilfsbereitschaft bekannt war.

Die patriotische Grundstimmung des Kriegsveteranen Nathan übertrug sich auf seine Söhne. Sohn Joseph aus zweiter Ehe gehörte zu jenen turnbegeisterten zwanzig jungen Männern aus Eiserfey, die im Mai 1912 in der Gaststätte Walber den Turnverein ‚Einigkeit‘ gründeten, und bekanntlich war die Turnbewegung der Vorkriegszeit einig insbesondere in ihrer vaterländischen Gesinnung.

Sohn Albert aus erster Ehe, der Eiserfey bereits 1908 verlassen hatte, und der in zweiter Ehe geborene Ferdinand nahmen am Ersten Weltkrieg teil. Albert diente zunächst bei der Kaiserlichen Garde in Berlin-Charlottenburg und kämpfte seit 1914 an der Westfront. Schwer verwundet durch einen Lungenschuss und an den Folgen des Kampfgaseinsatzes leidend ist der Krieg Mitte 1918 für ihn zu Ende. Für seine Tapferkeit ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz ist er nach einem längeren Lazarettaufenthalt in Metz noch vor Kriegsende und rechtzeitig zur Geburt seiner Tochter Hilde wieder zu Hause. Zur Anzeige der Geburt der Tochter erscheint er im Oktober 1918 persönlich vor dem Standesbeamten in Hilden, seinem zwischenzeitlichen Wohnsitz. Von seinen Verletzungen hat er sich zeitlebens nicht mehr ganz erholt. Gleichwohl trug er noch 1937 mit Stolz die Spange des Eisernen Kreuzes am Aufschlag seines Jacketts.

Ferdinand war an der Westfront als Musketier der

3. Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 462 im Kampfeinsatz. Er überlebte den Krieg nicht. Ferdinand starb am 12. Juni 1918, nur wenige Monate vor Beendigung des Krieges, im Feldlazarett 8 an seinen im Kriegseinsatz erlittenen Verletzungen. Die Inschrift auf dem Kriegerdenkmal hält die Erinnerung wach an Ferdy, wie er im Ort gerufen wurde.

Im Jahre 1913 erkrankte Sara Frohwein, und am 15. November 1913, ein halbes Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, starb sie im Kreiskrankenhaus in Mechernich. Wie Leopold Loeb und Clara Schmitz wurde auch sie auf dem jüdischen Friedhof in Mechernich beigesetzt. Nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau, mit der er mehr als fünfundzwanzig Jahre verheiratet gewesen war, musste Nathan allmählich lernen, mit der Einsamkeit des Alters umzugehen, denn die älteren Kinder hatten den Ort nach und nach verlassen. Ihm blieben nur noch Ferdinand, Jenny und Joseph. Nun kehrte sein Jüngster nicht aus dem Krieg zurück. Vor allem dies muss ihm zugesetzt haben. Nathan wurde krank. Nur ein Jahr nach Ferdinand starb Nathan ‚nach kurzem, schwerem Leiden‘ am 22. Juni 1919 in seiner Eiserfeyer Wohnung im Alter von 75 Jahren.

Die Angehörigen ließen im Unterhaltungsblatt und Anzeiger für den Kreis Schleiden und Umgegend eine großformatige Todesanzeige und etwa zwei Wochen später eine Danksagung erscheinen. Im Unterhaltungsblatt erschienen zur damaligen Zeit monatlich keine zehn Todesanzeigen. Nur die Bessergestellten konnten sich offenbar diesen Luxus leisten. Auch hatte es sich noch nicht durchgesetzt, den Tod einer Person durch eine Zeitungsanzeige einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen.

Die Todesanzeige Nathans enthält keinen Hinweis auf die jüdische Identität des Verstorbenen, und auch nicht auf das jüdische Begräbnis. Sie liest sich wie die Todesanzeige eines Katholiken, und nur der Name des Verstorbenen lässt auf den Juden schließen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in der Anzeige bewusst auf die Betonung der jüdischen Herkunft verzichtet wurde. Am 25. Juni wurde Nathan auf dem jüdischen Friedhof in Mechernich neben seiner Ehefrau beigesetzt. Leider erfahren wir nicht, ob sich unter denen, die ihm in Mechernich das letzte Geleit gaben, auch Katholiken aus Eiserfey befanden, gleichwohl darf man getrost davon ausgehen, und die Danksagung ist Beleg für die Anteilnahme der Dorfbevölkerung.

Auf dem Doppelgrab ließen die Kinder den „lieben Eltern“ einen Grabstein errichten. Der stattliche Grabstein zeugt von der Wohlhabenheit der Familie.

Nach dem Tode Nathans lebten Josef und Jenny als Letzte der Familie in Eiserfey. Im Jahre 1924 muss auch Josef den Entschluss gefasst haben, Eiserfey zu verlassen. Als Kaufmann sah er in der Eifel keine berufliche Zukunft mehr. Am 10. März dieses Jahres ließen die Angehörigen als ‚Erben der Eheleute Nathan Nathan – Frohwein‘ in der Gaststätte Sistig ‚wegzugshalber‘ Acker- und Wiesengrundstücke in Eiserfey und Vussem meistbietend versteigern. Der Versteigerungstermin wurde durch Anzeigen am 05. und 08. März in den Nummern 14 und 15 des Unterhaltungsblattes und Anzeigers für den Kreis Schleiden und Umgegend öffentlich bekannt gemacht.

Jenny blieb ledig. Sie führte nach dem Tod der Mutter den Haushalt in Eiserfey und pflegte in späteren Jahren den kranken Vater. Alles spricht dafür, dass sie Eiserfey als letztes der Geschwister verlassen hat. Das im Jahre 1930 im Druck erschienene offizielle Gemeindelexikon für die Rheinprovinz, welches auf den Ergebnissen einer Volkszählung aus dem Jahr 1925 basiert, weist für die Gemeinde Weyer nur noch eine Person jüdischen Glaubensbekenntnisses aus. Bei dieser Person kann es sich nur um Jenny handeln, denn von den übrigen Geschwistern wohnte zu dieser Zeit niemand mehr in Eiserfey. Albert führe seit 1921 ein Kaufhaus in Rheindahlen. Rosalia arbeitete in Köln. Friedrich Julius lebte seit 1913 als Bäcker in Wiesdorf und Joseph ging seit 1925 im Westfälischen seinen Geschäften nach.

Jenny ist spätestens 1934 von Eiserfey weggezogen, denn seit diesem Jahr ist sie amtlich mit Wohnsitz in Krefeld gemeldet. Ob sie von Eiserfey nach Krefeld zog oder zwischen-zeitlich woanders wohnte, ist nicht bekannt. Nachforschungen haben ergeben, dass das Haus der Familie Nathan erst nach 1934 an eine Eiserfeyer Familie verkauft wurde.

Verbleib und Schicksale

Die Kinder Leopolds und Claras – Karl, Helena und Johanna – haben frühestens in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts das Elternhaus verlassen. Über den Verbleib der Töchter ist nichts bekannt. Von Karl wissen wir, dass er in die USA ausgewandert ist, obwohl sich Auswanderungspapiere nicht nachweisen lassen. In der Todesanzeige Nathans ist von ‚trauernden Hinterbliebenen in…..Pittsburg (Amerika)‘ die Rede, und Hilde, eine Enkelin Nathans, über die noch zu berichten sein wird, erwähnt einen in Pittsburgh in Pennsylvania lebenden ‚Onkel‘ namens Loeb. Die Kontakte zwischen den Familien Nathan und Loeb waren über die Jahrzehnte und über den Ozean hinweg nicht abgebrochen.

Was aus den Kindern Nathans aus beiden Ehen wurde, ist durch die Untersuchungen von HANGEBRUCH (1980) und ERCKENS‘ (1989) weitgehend gut dokumentiert, und auch der Hinweis in der Todesanzeige auf die ‚trauernden Hinterbliebenen‘ in ‚Hilden, Wiesdorf, Cöln und Pittsburg (Amerika)‘ war bei den Nachforschungen nach dem Verbleib einzelner Familienmitglieder sehr hilfreich.

Über Nathans ältesten Sohn Albert ist oben bereits manches gesagt worden. Albert hatte Eiserfey bereits

frühzeitig verlassen. Vermutlich über Kontakte zur jüdischen Familie Schmitz in Embken, der Herkunftsfamilie seiner Mutter, hatte er im Nachbarort Nideggen seine Ehefrau kennengelernt, die dort

am 25. August 1883 geborene Henriette Schlächter. Die beiden heirateten am 29. Mai 1908 im Geburtsort der Braut und nahmen dort zunächst ihren Wohnsitz. Noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs siedelte die Familie nach Hilden über, wo Albert die Stelle eines Geschäftsführers in einem Galanteriewarengeschäft übernahm. Hier wurden dem Ehepaar zwei Kinder geboren, am 28. Oktober 1914 Sohn Erich und am 02. Oktober 1918 Tochter Hilde. Im Jahre 1921 verlegte die Familie Ihren Wohnsitz nach Rheindahlen, wo Albert noch im selben Jahr das Kaufhaus der katholischen Familie Esser pachtete und nach der großen Inflation sogar kaufte. Die Witwe des bisherigen Inhabers hatte der Kundschaft in einer Anzeige vom 17. September 1921 im Rheindahlener Volksblatt die Geschäftsübertragung zur Kenntnis gebracht.

Albert fand bald seinen Platz in der Rheindahlener Geschäftswelt. Als 1925 das Vorgängerinstitut der Volksbank Rheindahlen gegründet wurde, wählt man ihn in den Aufsichtsrat der Bank. Alberts kaufmännisches Wissen war gefragt, sein Ruf tadellos. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gingen die Umsätze allerdings merklich zurück. Die antijüdische Propaganda der neuen Machthaber zeigte Wirkung. Viele Rheindahlener kauften nicht mehr bei Juden, viele aus Angst, denn gegenüber dem Kaufhaus lag die Rheindahlener Zentrale der NSDAP, und man musste damit rechnen, beim Betreten des Kaufhauses beobachtet zu werden. Im Frühjahr 1938 trennte er sich von seinem Geschäft. Der neue Inhaber führte das Kaufhaus unter seinem eigenen Namen weiter.

Bereits 1937 hatten Albert und Henriette ihre Wohnung in Rheindahlen aufgegeben und sich nach Bockum zurückgezogen, einem heutigen Stadtteil von Krefeld. In Bockum, damals ein Ort mit hoher Wohnqualität und auch heute noch eine der besseren Wohngegenden Krefelds, wohnten sie zunächst in der Schönwasserstraße 93, dann in der Grenzstraße 59. Albert suchte ganz offensichtlich die Nähe seiner Geschwister, denn die Schwester Rosalia und Halbschwester Jenny wohnten zur damaligen Zeit  bereits mehrere Jahre gemeinsam im Haus Breite Straße 32 in der Krefelder Innenstadt.

Dass die drei Geschwister in Krefeld zusammenfanden, und nicht an einem anderen Ort, ist kein Zufall gewesen. Die jüdische Einwohnerschaft Krefelds war seit dem 19. Jahrhundert in ihrer Geisteshaltung mehrheitlich liberal und im Deutschtum tief verwurzelt. Nach HANGEBRUCH (1980, S. 142) „gehörte es zum Selbstverständnis der Juden in Krefeld, Deutscher zu sein: nicht Jude, der zufällig die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, sondern Deutscher jüdischen Glaubens, wie andere katholischen oder evangelischen Glaubens waren“. Dieser Gesinnung entsprach die uns bekannte Grundhaltung der Nathans. In Krefeld befand sich die Familie unter gleichgesinnten Juden, und legt man ein geographisches Maß an, nicht mehr allzu weit entfernt von den heimatlichen Gefilden des Weseler Land, wo die Familie ihre Wurzeln hatte.

Die Krefelder Wohnung in der Breite Straße, von der wir nicht wissen, ob sie der Familie Nathan gehörte, oder ob Rosalia und Jenny dort zur Miete wohnten, war gegen Ende der 30er Jahre wiederholt Quartier von Familienangehörigen. Dort fand 1938 vorübergehend Joseph mit seiner Familie Unterkunft, und schließlich zeitweilig Alberts Tochter Hilde, und mit der betagten Liesetta Nathan auch eine Tochter des Gemünder Glasers Jacob Nathan. Doch die Beweggründe waren nicht mehr dieselben. Was aus familiärer Verbundenheit begann als Wohngemeinschaft, in der die Schwestern Rosalia und Jenny  unbeschwert zusammenlebten, wurde mehr und mehr zu einem Zufluchtsort, in dem man in Zeiten der Angst und Not zusammenrückte.

Ende 1940 erkrankte Albert an Lungenbrand, einer Infektion als Spätfolge seiner Kriegsverletzung. Ihm blieb der schwere Gang in die Vernichtungslager der National-sozialisten erspart, den seine Frau vierzehn Monate später antreten musste. Am 05. Februar 1941 starb er in Bockum in seiner Wohnung an einem Blutsturz. Henriette Schlächter wurde im April 1942 nach Izbica in Polen deportiert, südöstlich von Lublin gelegen, wo sich ein Durchgangsghetto auf dem Weg in das Vernichtungslager  Sobibór befand. Seitdem gilt sie als verschollen.

Alberts Sohn Erich bekam nach dem Besuch der Oberrealschule und der Höheren Handelsschule die judenfeindliche Stimmung auf dem Arbeitsmarkt zu spüren. Er fand keine seiner Ausbildung angemessene Anstellung und musste im Geschäft seines Vaters mitarbeiten. 1937 emigrierte er mit einer Einwandererbürgschaft des in Pittsburgh lebenden Onkels Loeb in die USA. Vier Jahre schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Dann wurde er in die US-Armee einberufen. Im Kriegseinsatz bei Arnheim wurde er durch deutschen Artilleriebeschuss im September 1944 getötet. Auf dem amerikanischen Militärfriedhof bei Maastricht wurde er beigesetzt.

Alberts Tochter Hilde, die ein Lyzeum und wie Ihr Bruder die Höhere Handelsschule besucht hatte, gelang es noch Mitte 1939, Deutschland auf legalem Weg zu verlassen. Sie gelangte über England in die USA und lebte zunächst in Pittsburgh, unterstützt durch den Onkel Loeb. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Buchhalterin und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Hauptbuchhalterin an einem College in Huntingdon in Pennsylvania. Zeitlebens blieb sie ihrer alten Heimat verbunden. Hilde hat die Stätten ihrer Kindheit und Jugend in Rheindahlen und Krefeld noch zweimal besucht, und bei Gelegenheit ihres ersten Aufenthaltes in Deutschland im Jahre 1954 besuchte sie auch Eiserfey. Die Großeltern kann sie nicht mehr gekannt haben. Allerdings war sie bei den Verwandten in Eiserfey sicherlich das eine oder andere Mal zu Besuch gewesen und hat in den 20er Jahren dort vielleicht auch die Ferien verbracht. Noch heute erinnert sich eine ältere Dorfbewohnerin an die Begegnung mit Hilde im Jahre 1954, und sogar deren Vorname ist Ihr im Gedächtnis haften geblieben.

Von Alberts Schwester Rosalia konnten nur wenige Lebensdaten in Erfahrung gebracht werden. Rosalia blieb wie Jenny unverheiratet. Sie verließ Eiserfey bereits kurz nach der Jahrhundertwende und zog nach Köln. Dort arbeitete sie als Köchin. Im Jahre 1933 verlegte sie ihren Wohnsitz nach Krefeld und wohnte als erstes der Geschwister unter der Adresse Breite Straße 32. Rosalia gehörte zu den zahlreichen Krefelder Juden, die im April 1942 nach Izbica deportiert wurden. Auf dem Weg in das Vernichtungslager Sobibór verlieren sich ihre Spuren.

Jenny zog frühestens 1934 nach Krefeld. Nach den Angaben des offiziellen Adressbuches der Stadt ist sie seit diesem Jahr Bewohnerin des Hauses Breite Straße 32. In späteren Jahren erkrankte sie unheilbar an Krebs und wurde in den letzten Monaten ihres Lebens im Israelitischen Krankenhaus an der Ottostraße in Köln-Ehrenfeld gepflegt. Dort starb sie am 14. Juli 1940 im Alter von fünfzig Jahren.

Friedrich Julius, ein Halbbruder Alberts, wohnte bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht mehr in Eiserfey. Spuren im Ort hat er nicht hinterlassen. Am 24. Januar 1913 heiratete er in Kerpen die dort am 10. August 1887 geborene Helena Nathan, eine Tochter des Handelsmannes Benjamin Nathan und der Gudula Leiser. Am Rande sei erwähnt, dass der Kerpener Familie Leiser die Mutter des mit den Loebs und Nathans verschwägerten Kaufmanns Jacob Frohwein in Kommern entstammte. Friedrich Julius war Bäcker von Beruf, und es ist nicht ausgeschlossen, dass der Jugendliche dem Bäcker Peter Goebs, dem Freund und Kriegskameraden seines Vaters, bei der Ausübung seines Handwerks über die Schulter geschaut hat und vielleicht sogar bei diesem in die Lehre ging. Nach der Eheschließung nahmen die Eheleute ihren Wohnsitz in Wiesdorf, einem heutigen Stadtteil von Leverkusen. Dort wurden die Töchter Hertha (1914) und Alice Sophia (1920) geboren. Friedrich Julius und Helena Nathan wurden 1941 in den Osten deportiert. Im Ghetto von Litzmannstadt (?ód?) sind beide umgekommen, vermutlich 1942. Die Töchter hatten Deutschland rechtzeitig verlassen. Hertha emigrierte nach Israel, Alice Sophia nach Kolumbien. Beide heirateten im Ausland und kehrten bereits zu Beginn der 50er mit ihren Ehemännern und mit im Ausland geborenen Kindern nach Deutschland zurück. Hertha und ihr Ehemann Kurt Seeliger zogen nach Düsseldorf. Alice Sophia ließ sich mit ihrem Ehemann Erich Meyer in Hochneukirch in der Gemeinde Jüchen im Rhein-Kreis Neuss nieder. Hertha starb 1999 in Düsseldorf, Alice Sophia 1991 in Hochneukirch. FRIEDT (2008) fand bei seinen Nachforschungen heraus, dass Kinder beider Eheleute in Schweden, Haifa (Israel), Wien, Berlin und Hochneukirch leben.

Joseph, nach Ferdinand der jüngste Sohn Nathans, hatte wie Albert den Kaufmannsberuf ergriffen. Er verließ Eiserfey spätestens 1925. Ihn zog es in bewegter Zeit ins Ruhrgebiet. Die schlimmen sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen zur Durchsetzung der Reparationsforderungen waren noch spürbar, und das Wirtschaftsleben erholte sich nur zögerlich. Im Jahre 1926 wohnte Joseph nachweislich mit Frau und Kind in der Wannerstraße 90 in Gelsenkirchen. Ein Jahr zuvor hatte er die am 13. Juli 1895 geborene Kaufmannstochter Reha (auch Recha) Stessmann aus Hallenberg im Kreis Brilon geheiratet, und am 04. Juli 1926 wurde in Gelsenkirchen Sohn Albert Ferdinand geboren. Zu Beginn der 30er Jahre zog die Familie nach Rheinhausen und schließlich 1938 nach Krefeld, wo sie vorübergehend gemeinsam mit den Schwestern Jenny und Rosalia im Haus Breite Straße 32 und später dann am Westwall 20 wohnten, einer Parallelstraße der Breite Straße. Den Beruf des Kaufmanns hat Joseph in der Folgezeit aufgegeben. Wegen der Beschränkungen, die jüdischen Geschäftsleuten auferlegt wurden, bestand für ihn kaum noch eine Möglichkeit, Handel zu treiben. Das Adreßbuch der Stadt Krefeld für das Jahr 1940 weist ihn als ‚Rentier‘ aus. Um die Familie ernähren zu können verdingte er sich schließlich sogar als Hilfsarbeiter. Unter dieser Berufsbezeichnung zeigte er im Februar 1941 vor dem Standesbeamten in Bockum den Todesfall seines Halbbruders Albert an, und nur wenige Monate später, im Oktober 1941, wurde die Familie über ?ód? in das überhaupt erste stationäre Vernichtungslager der Nationalsozialisten, die Gaswagen-Station Che?mno (Kulmhof) deportiert.

Ehefrau Reha und Sohn Albert Ferdinand sind in Che?mno umgekommen. Joseph überlebte, vermutlich dank seiner guten körperlichen Konstitution. In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 brachte man ihn nach Kaufering im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech. Im Rahmen eines Rüstungsprojektes wurden seit Juni 1944 arbeitsfähige Juden aus den Konzentrationslagern dort beim Bau gewaltiger unterirdischer Bunker, in denen der Düsenstrahljäger Messerschmitt ME 262 produziert werden sollte, eingesetzt. Zahlreiche Häftlinge erkrankten, verhungerten, erfroren oder starben infolge der unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Auch Joseph Nathan gehörte zu jenen, die diesen Einsatz nicht überlebten. Am 19. September 1944 ist der Mitbegründer des Eiserfeyer Turnvereins ‚Einigkeit‘ in einem der kalten Krematorien, wie die Lager in Kaufering von den Insassen genannt wurden, umgekommen.

Wie so viele ermordete Juden hatten die Nathans bis zuletzt offenbar nicht wahrhaben wollen, dass ihr Selbstverständnis als Deutsche keine Garantie für die eigene Unversehrtheit war. Dies scheint der Grund dafür gewesen zu sein, dass sie Deutschland nicht verließen, als es noch nicht zu spät war.

Von den sechs Kindern Nathan Nathans wurden Rosalia, Friedrich Julius und Joseph Opfer der Judenverfolgung, nicht zu vergessen die Ehefrauen der Letztgenannten, die Ehefrau Alberts und Friedrich Julius‘ Sohn. Ferdinand hatte im Ersten Weltkrieg für Deutschland sein Leben gelassen, Jenny und Albert starben eines natürlichen Todes, und nur dieser Umstand hat sie vor der Vernichtung bewahrt.

Die Familie Nathan hat über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren hier gelebt und in Gemeinschaft mit der katholischen Dorfbevölkerung das Ortsleben gestaltet. Auch wenn die Geschwister Nathan unseren Ort bereits verlassen hatten, als die Nationalsozialisten damit begannen, ihre Vernichtungspläne in die Tat umzusetzen, bleiben sie ihrer Herkunft nach Eiserfeyer. Sie wurden hier geboren, haben ihre Kindheit und Jugend hier verbracht, gingen hier zur Schule und waren mit unseren Groß- und Urgroßeltern befreundet. Die Erinnerung an die Familie Nathan und die tragischen Schicksale ihrer Angehörigen darf nicht verblassen.

Quellen und Literatur:

A. Ungedruckte Quellen

Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Bestand PA 2101, Zivilstandsregister (Geburten, Heiraten,

Todesfälle) bis 1875, Landgerichtsbezirk Aachen

ebd., Bestand PA 2106, Zivilstandsregister (Geburten, Heiraten, Todesfälle) bis 1875, Landgerichtsbezirk Köln

ebd., Bestände PA 3101 – PA 3103, Personenstandsregister (Geburten, Heiraten, Todesfälle) ab 1876

ebd., Bestand PA 3106, Personenstandsregister (Todesfälle) ab 1938

B. Literatur

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Friedt, Gerd, Carpena Judaica. Zur Geschichte der Kerpener Juden seit dem Mittelalter (= Beiträge zur Kerpener Geschichte und Heimatkunde, Bd.XI), Kerpen 2008, S. 383-386

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Wegweiser durch das jüdische Rheinland. Herausgegeben von Ludger Heid und Julius H. Schoeps in Verbindung mit Marina Sassenberg, Berlin 1992